Was ist der Cash Flow At Risk?

Die Verwendung der Cash Flow at Risk und Value at Risk Modelle in Unternehmen setzt die Kenntnis der Cash Flows voraus. Im Bereich der Finanzprodukte sind die Cash Flows häufig vertraglich festgeschrieben, so dass die Anwendung der Value at Risk Modelle für die Risikomessung von Finanzportefeuilles wenig Probleme bereitet. Schwierig zu erfassen sind hingegen die Cash Flows aus dem operativen Geschäft eines Unternehmens. In diesem Kapitel wird anhand von Fallstudien der Cash Flow at Risk (CFaR) für zunächst sichere operative Cash Flows und dann für volatile operative Cash Flows gezeigt. Abschließend werden Konzepte präsentiert, wie sich eine Aufteilung von Planungsverantwortung und Performance zwischen der Abteilung Risikocontrolling und den operativen Bereichen durchführen lässt.

Beispiel: Alle für ein Unternehmen relevanten Abhängigkeiten zwischen Rohstoffpreisen, Wechselkursen und Absatzmengen werden in einem Exposure Mapping verknüpft, um so die Cash Flows der nächsten 12 Monate simulieren zu können. Weil das Risiko des Unternehmens durch steigende Materialkosten determiniert ist, wird der verbleibende Cash Flow nach Abzug von Materialkosten simuliert. Für z.B. vier Rohstoffpreise und den Wechselkurs EUR/USD generiert die Monte Carlo Methode als Zufallsprozess im Rechenkern die in der Zukunft möglichen Preispfade. Als Prognosemodell zur Bestimmung der Preispfade dient ein Random Walk ohne Trendkomponente. Die Monte Carlo Methode simuliert für jeden Rohstoffpreis und den Wechselkurs an jedem der zu prognostizierenden 255 Tage 10.000 mögliche Preise. Auf diese Weise kommen für jeden Risikofaktor 10.000 simulierte Preispfade zustande, die in die Exposure Map einfließen. Daraus ergeben sich mögliche zukünftige monatliche Cash Flows für den Prognosezeitraum, die zu einer Summe zusammengefasst werden.

Die jeweils 12 simulierten Monats Cash Flows werden zu einem Jahres Cash Flow aggregiert. Das 5 % - Quantil der Verteilung des Jahres Cash Flows ergibt im CFaR-Ansatz den Betrag, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % nicht durch Änderungen der Marktpreise unterschritten wird. Das Modell schätzt in dem gezeigten Beispiel, dass mit 95 % Wahrscheinlichkeit der Cash Flow nach Abzug von Materialkosten mindestens 12,3 Mio. EUR betragen wird. Mit dieser Risikoprognose kann das Unternehmen prüfen, ob der mit 95 % Wahrscheinlichkeit zu erwartende Mindest Cash Flow nach Abzug der Materialkosten ausreicht, um die darüber hinaus entstehenden Kosten zu decken.

Die Prognose des Cash Flow at Risk ist im Gegensatz zum Value at Risk an einem mittel- bis langfristigen Zeithorizont von ca. 3-12 Monaten ausgerichtet. Bereits vor der Entwicklung der Cash Flow at Risk Modelle gab es streng genommen Anwendungsgebiete für eine mittel- bis langfristige Betrachtung von Risikoparametern, z.B. die Messung von Kreditrisiken.

Der Vorteil des Value at Risks besteht darin, das gesamte Risiko in einer Kennzahl ausdrücken zu können. Diese Eigenschaft kann aber auch als Nachteil ausgelegt werden, verbunden mit der Kritik, dass eine einzige Zahl nicht alles aussagen kann. Insbesondere ist der Value at Risk nur für Risiken aus Finanzprodukten mit sicheren Cash Flows und kurze Zeithorizonte geeignet. Der Value at Risk ist ein sehr kurzfristig orientierter Ansatz und nicht für die Betrachtung von dynamischen Entwicklungen über längere Zeiträume geeignet.

Unternehmen orientieren sich an längeren Zeithorizonten. Für das Wechselkursrisiko wurde empirisch ein durchschnittlicher Zeithorizont von 10-12 Monaten ermittelt. Zusätzliche finanzielle Risiken können im Unternehmen aus den unsicheren operativen Cash Flows entstehen. Schon frühzeitig nach der Verbreitung des Value at Risk Konzeptes in der Bankenwelt wurde erkannt, dass eine kurzfristige Steuerung auf der Basis von Marktwerten nicht den Anforderungen von Unternehmen gerecht wird. Für zahlreiche Vermögensgegenstände in Unternehmen sind Marktwerte nicht oder nur mit viel Aufwand ermittelbar. Insbesondere haben zukünftige, aber noch unsichere Cash Flows häufig einen bedeutenden Anteil am Unternehmenswert. Das Ziel des Cash Flow at Risk Konzeptes ist nicht nur die Berücksichtigung der an die Treasury übertragenen finanziellen Risiken, sondern auch die Einbeziehung zukünftiger (noch unsicherer) Umsätze in das Exposure. Der Begriff Risiko wird nicht mehr als Bestands-, sondern als Stromgröße definiert, in der auch die operative Tätigkeit eines Unternehmens zu berücksichtigen ist. Ebenso können aus Marktpreisänderungen (z.B. Wechselkurse) entstehende Wettbewerbsvor- und nachteile für Konkurrenz in das Kalkül einbezogen werden.